25.01.2016Automatische Reaktionen

Typisch für automatische Reaktionen ist, dass auf bestimmte Auslöser mit bemerkenswerter Vorhersagbarkeit ähnliche Verhaltensweisen folgen. Ein wunder Punkt wird getroffen und sofort gibt es eine Reaktion. In Bruchteilen von Sekunden reagiert der Körper, die Gefühlslage und das Denken verändern sich, und ohne es zu bemerken, ist man im alten Fahrwasser. Je heftiger uns die emotionale Reaktion überfällt, desto schwieriger ist der Zugriff zum „besseren Wissen“.

Auslöser

Die Auslöser für eine automatische Reaktion sind vielfältiger Natur. Irgendetwas aus der Außenwelt – ein Satz, eine spezielle Geste, ein Reizwort oder Reizthema, ein bestimmter Mensch, ein bestimmtes Verhalten – trifft auf die Innenwelt und verursacht eine Resonanz.

Der wunde Punkt

Entscheidend für den Start einer automatischen Reaktion ist eine persönliche Empfindsamkeit. Es gibt Dinge, auf die man sehr sensibel reagiert, die einen treffen, verletzen, provozieren. Eine automatische, emotionale Reaktion wird besonders rasch dann ausgelöst, wenn der empfindsame Punkt in der Vergangenheit schon oft getroffen wurde. Aufgrund von negativen Vorerfahrungen reagiert man umso „allergischer“ auf die Situation und das Gegenüber. Aber auch wenn man bereits in einer gereizten Grundstimmung ist oder die Nerven aus irgendeinem Grund gerade „dünn“ sind, wird ein Automatismus schneller entflammt.

Unmittelbare emotionale Reaktion mit Körperempfindungen

In dem Moment, wo der „wunde Punkt“ getroffen und Emotionen ausgelöst werden, ist der Körper beteiligt. Dieser reagiert sofort. Bei einem empfundenen Angriff beispielsweise spannen sich die Muskeln an, das Blut fließt stärker ins Gesicht oder in die Extremitäten, das Herz klopft heftiger und der Atem stockt. Der Körper bereitet sich auf einen Kampf vor.

Innere Verarbeitung mit Gedanken und dadurch ausgelösten oder verstärkten Gefühlen

In Bruchteilen von Sekunden schießen unterschiedliche Gedanken durch den Kopf. Sie können gekoppelt sein an frühere Ereignisse mit den beteiligten Personen und entsprechende Bewertungen und Urteile enthalten: „Schon wieder der!“ Sie können auch gegen sich selbst gerichtet sein: „Warum war ich wieder so gutmütig!“ Diese Gedanken bilden eine Rückkopplung zu unserer Gefühlslage und erzeugen oder verstärken beispielsweise Ärger.

Die innere Verarbeitung bei automatischen Reaktionen ist fast immer darauf ausgerichtet, die zugrunde liegenden Emotionen irgendwie zu regulieren, indem man sie kommentiert, rationalisiert oder versucht, sie beiseite zu schieben. Bei den meisten Menschen entsteht der Impuls, die eigene Empfindsamkeit abzuschirmen und sie nicht nach außen zu zeigen. Verletzliche, unangenehme Gefühle wie Schmerz, Angst oder Trauer werden innerlich oft so stark zurückgedrängt, dass sie gar nicht mehr wahrgenommen werden. Ärger ist ein Gefühl, mit dem wir uns stärker und wehrhafter fühlen, daher gelangt er oft in den Vordergrund und bestimmt damit auch unseren Gefühlsausdruck und unsere Handlungen – als Schutzreaktion.

Unerfülltes Bedürfnis

Der „wunde Punkt“ macht uns oft darauf aufmerksam, dass ein für uns wichtiges Bedürfnis in der Situation gerade sehr unerfüllt ist. Das kann das Bedürfnis nach Respekt sein, nach Anerkennung, nach Sicherheit oder nach Verständnis – oder nach etwas ganz anderem. Oft gibt es eine Verbindung zu Situationen aus der persönlichen Biografie, in denen dieses Bedürfnis auch sehr unerfüllt war. Manchmal reicht diese Verbindung sogar bis in die Schulzeit, manchmal auch bis in die eigene Familie und zu schmerzlichen Erfahrungen mit Mutter oder Vater.

Handlungen

Die gedanklichen und gefühlsmäßigen Reaktionen steuern jetzt das Verhalten, als Ergebnis des zuvor blitzschnell abgelaufenen Verarbeitungsprozesses im Gehirn. Meist folgt das Verhalten einer mehr oder weniger ausgeprägten Variante des Kampf-Flucht-Reflexes: Man greift an, verteidigt sich, zieht sich zurück oder erstarrt.

Wirkung, Wechselwirkung und Eskalation

Das Verhalten hat natürlich eine Wirkung auf den anderen. Bei automatischen Reaktionen führt es leider meistens zu eskalierenden Wechselwirkungen. Häufig ist das eigene Handeln dann wieder Auslöser für eine automatische Reaktion beim anderen und trifft bei ihm einen „wunden Punkt“. Daraus entspringt dann eine Wechselwirkung, die sich immer weiter hochschaukelt.

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