12.05.2015Porträt: Mechtild Erpenbeck

Freie Beraterin bei Janus - Porträt aus dem Jahr 2015

Irgendwie saß sie immer „dazwischen“, sagt sie. Nie vollständig zugehörig, nie in der kompletten Identifikation mit einer Weltanschauung, einer Gruppe, Subkultur oder Gemeinschaft. Wo immer sie war, war sie gleichzeitig auch Beobachterin und Kritikerin. Das althochdeutsche Wort „hagazussa“ (das später zum Schimpfwort „Hexe“ mutierte) habe ihr immer gut gefallen: die auf dem Zaun Reitende. In der mythologischen Bedeutung bezeichnet das ein Sein zwischen den Welten, gleichzeitig auf der einen UND auf der anderen Seite. Aus dem, was sie ursprünglich als persönliches Defizit, als Not empfunden hat, machte sie im Laufe ihres ziemlich vollen Lebens allmählich eine hochgeschätzte Tugend: Nichts, so sagt sie, sei ein besserer innerer Ort für die Arbeit als Beraterin, Trainerin und Coach. Sie hat ihren ganz eigenen „saumäßig erfolgreichen“ (O-Ton noch unanständiger!) und irgendwie janusköpfigen Arbeitsansatz als Mittlerin zwischen den Welten entwickelt, dem sie in beruflicher Selbstständigkeit seit 15 Jahren nachgeht.

Theater

Ihre Kindheit hat Mechtild Erpenbeck in Münster verbracht. Das Studium der Psychologie und Erwachsenenpädagogik fand in Dortmund/Bochum statt. Ihre erste Stelle trat sie in einer Bildungseinrichtung in Witten-Herdecke an. Sie hat früh Führung übernommen, es hat ihr großen Spaß gemacht. Aber: Nach 3 Jahren war das durch. „Ich musste mir wohl nur beweisen, dass ich das kann.“ Sie kündigte „ins Offene“, wie sie das ausdrückt, ging nach Berlin und … in eine Schauspielschule.

Nach kurzer Zeit als Schauspielerin wechselte sie ins Regiefach, hatte 10 Jahre in Berlin eine eigene Compagnie mit internationaler und spartenübergreifender (Schauspiel/Tanz/Gesang) Besetzung, leitete einige Jahre ein Privattheater und inszenierte in den folgenden Jahren an Bühnen von Hamburg bis Tübingen „ganz normale“ Stücke zwischen Ibsen, Arthur Miller und „Black Rider“. „Man lernt nirgendwo mehr über Führung, als in der Theaterregie“ sagt sie lächelnd, und man kann sich vorstellen, wie sie mit großer Klarheit, streng und fordernd, gleichzeitig sehr nah an den Schauspielern und ihrem Talent, mit großer Einfühlsamkeit ein Zusammenspiel organisiert.

Obwohl sie so bis ins Jahr 2000 hinein mit ganzem Herzen Theaterfrau war, hatte sie – einem „traumwandlerischen Impuls“ folgend – parallel und „heimlich“ zwei psychoanalytisch-gruppendynamisch ausgerichtete Ausbildungen gemacht. Zur Supervisorin und Gruppendynamikerin. „Was willst Du denn damit?“, fragten die Theaterleute entgeistert, als sie davon erfuhren. Sie konnten sich, sagt Mechtild, einfach nicht vorstellen, dass es außerhalb der Theaterwelt noch eine andere Welt gibt, die interessant sein könnte. Umgekehrt betrachteten sie die Psychologen, Sozialpädagogen und Therapeuten, mit denen sie in den Fortbildungen saß, ihrerseits als Sonderfall, als Exotin. Wieder saß sie zwischen den Zugehörigkeiten. Obwohl sie mit großer Freude und Leidenschaft all das Neue in sich aufnahm. „Ich lerne unheimlich gern, auch heute noch.“, sagt sie. Wenn man die lange Liste der Weiterbildungen anschaut, die nach dieser Zeit noch folgten, mag man dem gern Glauben schenken.

Persönlichkeitsentwicklung

Der Schritt raus aus dem Theater und rein in die Selbstständigkeit als Trainerin/Beraterin war dann einer veritablen Rundum-Lebenskrise geschuldet … aber letztlich ein Glücksfall. Wieder machte sie den Sprung „ins Offene“. Heute erlebt Mechtild „absolute Stimmigkeit“ in ihrem Tun. Wie jeder Mensch, der beruflich bei sich angekommen ist, schöpft sie aus dem Vollen und verbindet all‘ ihre Erfahrungen und Kompetenzen zu einem sehr eigenen und unverwechselbaren Ansatz. „Meine Top-Management Kunden schätzen meine Position auf dem Zaun sehr. Ich habe den Anspruch und – glaube ich – die Fähigkeit, gleichzeitig von innen zu verstehen und von außen zu betrachten. Ich fühle mich in der Welt der Emotionen und des Individuums ebenso zu Hause, wie in der Welt der Unternehmenspolitik und des Managements“.

In den Persönlichkeitsseminaren bei Janus kriegt sie durchaus schon mal Projektionen wie „Eiserne Lady“ oder „Strafende Mutter“ ab, allerdings niemals, ohne dies im weiteren Verlauf der intensiven Selbst-klärung für die Teilnehmer nutzbringend aufzulösen. Mechtild Erpenbeck hat die Kraft und den Mut, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in die von ihr begleiteten Entwicklungs- und Gruppenprozesse einzubringen.
Janus-Trainerin Sarah Scheurer-Kumbier: „Wie ehrlich und offen Mechtild ist! Sie lässt in sich hineinblicken, macht keinen Hehl aus eigenen Schwächen und Ängsten, sie macht sich damit nahbar und dies, ohne ihre Autorität als Trainerin im Geringsten einzubüßen.“

Neuer Lebensabschnitt

Mechtild ist gerade 60 Jahre alt geworden. Sie hat eine sehr attraktive und verwirrend-widersprüchliche Anmutung von Grande Dame und jungem, neugierigen, manchmal unsicherem Mädchen gleichzeitig. Und sie hat noch viel vor: In der Konfliktklärung in Unternehmen, der Unterstützung von Führungskräften im Coaching und in der Begleitung von Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Sie verlegt sich zunehmend auf das Weitergeben ihres Wissens und Erfahrungsschatzes. Sie möchte Menschen, die in der Zunft der Berater/Trainer/Coaches ihre Heimat gefunden haben, hin zu viel Mut, Eigenständigkeit und eigenen Wegen begleiten. Hin zur Fähigkeit, mit Würde und Weisheit auf dem Zaun zu reiten. Wir sind gerne dabei. (CS)

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