Solche Fragen sind so ganz anders als die von Beratern normalerweise empfohlenen offenen Fragen. Sie provozieren und verblüffen. Sie unterstellen. Max Frisch erwischt uns … und bleibt dabei freundlich-unerbittlich. Das ist auch eine Beraterkompetenz. Ich bin gespannt, was Sie zu meinen Versuchen im Geiste von Max Frisch, meinem Lieblingsautor, sagen. Und auf Ihre Antworten.
1. Welches Wort finden Sie im Business-Kontext unangebrachter: Angst oder Liebe?
2. Mit welchem Gefühl maskiert sich Ihre Angst am häufigsten:
b. Wut / Aggression? (Sie gehen auf andere los.)
c. Freude? (Sie zeigen Ihr schönstes Lächeln.)
3. Möchten Sie sich selbst als Chef haben?
4. Wenn Sie Ihren Vorgesetzten anschauen: Warum fällt es Ihnen so schwer, die Angst hinter seiner Maske zu sehen?
5. Falls Sie zu den wenigen Menschen gehören, die ihre Angst offen zeigen: Haben Sie das schon einmal bereut? Warum nicht?
6. Was würde aus der Krise ohne Ihre Angst? Wodurch hat die Krise es sich verdient, dass Sie sie so gut füttern?
cs
Jürgen Röder
18. September 2009, Nr. 630
Gerne nehme ich am Versuch teil:-) Hier also meine Antworten... 1) Liebe...da ich zunehmend die Erwartungshaltung an mich im professionellen Umgang mit "Angst", insbesondere in Veränderungsprozessen, erlebe. 2) Antwort a/Trauer...dieses Verhaltensmuster wurde mir bereits in der Kindheit mit auf den Weg gegeben und ist sicherlich ein -wie man so schön sagt- Entwicklungsfeld:-) 3) Nein...ich wäre mir selbst zu harmoniebedürftig! 4) Bei MEINEM Vorgesetzten kann ich keinerlei Angst hinter einer Maske erkennen, da er sehr authenthisch ist! 5) Im Business-Kontext habe ich es bislang nie bereut, meine Emotionen zum Ausdruck zu bringen...m privaten Bereich schon. 6) Stimmt...Krisen werden durch meine eigene Angst geschürt und gefüttert. Manchmal ist es für mich heilsam, dass ich mich zunächst mal "auskotze". Noch wichtiger jedoch: schnell erkennen und gegensteuern! LG, J.R.
Marco Nübling
16. September 2009, Nr. 628
1. Angst, da Angst im Geschäftsleben seltenst/nie etwas positives bewirkt. 2. Wut, denn Wut ist "lauter" als Angst. Sie schafft es, die Angst kurzfristig zu übertönen. 3. Ja, denn ich mag mich. :-) 4. Es fällt mir nicht schwer. Warum weiß ich nicht. Wahrscheinlich habe ich gelernt, genau hin zu schauen. Mit den Augen und mit dem Herzen. 5. Ja, ich formuliere meine Ängste. Die Erfahrungen damit sind durchweg positiv. Der häufig bemühten Management-Floskel "Angst = Schwäche" möchte ich ein Zitat von Bert Hellinger entgegen halten: "Der falsche Eindruck wirkt in dem, der ihn hat." 6. Eine Krise, egal welche, entsteht und nährt sich aus der Angst der Menschen. Ich überlege gerade - und "erwische" mich beim Lächeln - wer definiert eigentlich, was eine Krise ist, wann diese beginnt und wann sie aus welchen Gründen wieder endet? Herzliche Grüße Marco Nübling
Volker Himmel
16. September 2009, Nr. 627
1. Keines von beiden. Denn beides gehört aus meiner Sicht ins Berufsleben: Liebe, zu dem was ich tue! Liebe zu Menschen, mit denen ich und für die ich arbeite! Angst Fehler zu machen, zu versagen, nicht gemocht zu werden, zu weit zu gehen ... Beides sind unglaubliche Energieträger. 2.Zwei unterschiedliche Reaktionen sind möglich: Rückzug oder Aggression 3. Manchmal ja, manchmal nein. 4. Ich sehe weniger die Angst meiner Führungskraft als viel mehr die Erschütterungen durch die aktuellen Ereignisse und die Hilflosigkeit mit den Situationen umzugehen. Ob das schon Angst ist? 5. Ich habe gelegentlich meine Angst mir nahestehenden Personen gezeigt bzw. darüber gesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, dass einer davon aus meiner Sicht unangemessen reagiert hätte. Im Gegenteil. 6. Ich frage mich manchmal, wo die Krise tatsächlich ist, weil ich persönlich davon überhaupt nichts unmittelbar spüre. Es beeinflusst mich indirekt, weil ich über eine berufliche Veränderung nachdenke. Aber das ist ein grundsätzliches anderes Thema, das eher etwas mit meiner familiären Situation und meinem Selbstvertrauen zu tun hat.
Günter Willmroth
16. September 2009, Nr. 626
Nein, bis jetzt sind mir die Fragebögen von Max Frisch unbekannt. Statt provozierend und verblüffend sind die Fragen für mich eher "anders" (statt gewöhnlich) und klärend. Klärend in dem Sinne sich über seine eigenen Werte, Verhalten, Weltbild, bewusst zu werden. Schauen wir mal, was mir klar wird: zu 1.: Liebe. Wegen der Mehr- oder Vieldeutigkeit des Begriffes, der eher zu Missverständnissen führt. zu 2.: Tendenziell eher a. Trauer. zu 3.: Klar, möchte ich mich als eigenen Chef haben! Darum hatte ich viele Jahre lang Angestellte (und einmal eine AZUBI) beschäftigt. Weil ich der beste Chef war/bin (eine kleine Selbstüberschätzung). Heute bin ich mir nur noch mein eigener Chef. zu 4.: Ich hatte schon viele Vorgesetzte. Bei keinem wäre/ist es mir aufgefallen, dass er Angst hätte. Möglicherweise liegt das an meiner Empfindungsschwäche für diesen Zustand. zu 5.: Ich bekenne mich dazu, häufiger Existenzangst gehabt zu haben, oder beim Klettern abzustürzen. Keine Reue! Ängste sind für mich Verhaltensmuster und Glaubenssätze. Das Bewusstwerden und sich dazu äußern, erlauben mir, mich mit anderen darüber auszutauschen und neue Perspektiven zu gewinnen. Damit wird es für mich leichter. zu 6.: Welche Krise ist gemeint? Ich wähle einmal die Finanz- und Wirtschaftskrise, von der heute viel in den Medien zu lesen ist. Die verursacht mir keine Angst. Ich weiß was es bedeutet und wo sie mich treffen könnte (wenn sie noch einige Jahre fortschreitet, was möglich ist). Doch heute fühle ich mich wohl und morgen sehe ich erneut, was der Tag mir bringt. Mit besten Grüßen Günter Willmroth
Barbara Wanning
15. September 2009, Nr. 625
Hallo, spannendes Frageexperiment! Zu 1: Liebe, wenn ich mich entscheiden muss. Grundsätzlich haben für mich beide auch im Geschäftsumfeld Platz. Zu 2: Trauer Zu 3: Ja! Zu 4: Ich bin meine eigene Vorgesetzte, bin mit einem Einzelunternehmen selbstständig ;-) Deshalb auch die Antwort zu 3. Generell: Weil Maskenverhalten bei anderen wiederum Maskenverhalten bei mir selber hervorruft. Und ich leider immer noch allzu häufig der Einladung in Stressmuster folge. Zu 5: Ich versuche insgesamt authentisch zu sein,d.h. alle "echten" Gefühle bei mir wahrzunehmen und diese situationsange- messen zum Ausdruck zu bringen. (Was mir auch nicht immer gelingt, s. 2.) Bereut habe ich es schon öfter, weil es im Business allgemein nicht üblich zu sein scheint, bestimmte Gefühle zu äußern. Für mich gehört das aber dazu, damit ich ich selbst sein kann und meine Werte ver- treten kann. Und das ist mir wichtiger, als irgendwelchen Normen zu entsprechen. Zu 6: Diese Frage impliziert, dass ich wegen der Krise Angst habe. Ich sehe sie für mich selber im Moment eher als Chance! Sie hat mir die Kraft gegeben, mich von einem nicht mehr zu mir passenden Berufsweg zu lösen und nun meine ganze Energie in die Verwirklichung meines neuen Berufszieles zu stecken. Herzliche Grüße, Barbara Wanning