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Hinter der Angst

Wenn Angst ihr wahres Wesen verkleidet, wird sie leicht zum Taktgeber eines Teufelskreises, der Menschen und Organisationen gefährden kann. Dabei kann jeder einen Ausstiegsweg finden.

Angst ist eine sehr persönliche Angelegenheit – die trotz ihrer Individualität alle betrifft. Sie ist oft nützlich und unser ständiger Begleiter, der mal mehr, mal weniger zu spüren ist. Jeder Mensch entwickelt in seiner Angst ein sehr individuelles Reaktionsmuster, das darauf zielt sich zu schützen. Was in Jahrmillionen Menschheitsgeschichte entstanden ist, gilt bis heute – auch im Berufsleben. Wenn Menschen Angst haben, reagieren sie mit Rückzug beziehungsweise Flucht – oder sie starten einen Angriff. Jeder kennt Situationen, in denen sich das Geschehen genau durch diesen Reflex erklären lässt. Erleben Mitarbeiter oder Führungskräfte in Unternehmen bedrohliche Situationen, investieren sie ihre Energie verstärkt in Schutzverhalten. Ein zwangsläufiger Leistungsverlust ist die Folge.

Ein psychologisches Muster macht die Sache besonders kompliziert: Menschen neigen dazu, Gefühle, die sich in der Vergangenheit (vor allem in der Kindheit) als ungünstig erwiesen haben, durch gesellschaftlich akzeptiertere Gefühlsäußerungen zu kaschieren. Was die Umgebung als Aggression, Rückzug, Traurigkeit, aber auch Fröhlichkeit oder Munterkeit wahrnimmt, überdeckt bisweilen ganz andere Regungen, die den wahren Kern einer Reaktion ausmachen. Der Aufbau solcher Gefühlsfassaden geschieht schnell und für die Beteiligten oft unbemerkt.

Angst ist im Geschäftsleben das verpönteste, unliebsamste Gefühl überhaupt, deshalb wird sie besonders häufig hinter einer Fassade versteckt. Wer Erfolge schreiben will, ist hart, mutig und unerschrocken – das zumindest möchten nach wie vor viele Manager glauben. Seine Angst zu zeigen, zu ihr zu stehen, ist in den meisten Organisationen ein Tabubruch und ein riskanter Karriere-Killer. „Der Angst ins Auge zu sehen“, ist deshalb leichter gesagt als getan.

Wenn ein Chef ungeduldig oder unzufrieden ist und deshalb Druck erzeugt, liegt es vielleicht daran, dass er selbst Sorge hat, seine Ziele nicht zu erreichen und seinen Job zu verlieren. Seine Mitarbeiter quittieren den erlebten Druck häufig mit Gegendruck, mit einer Beschwerde beim Vor-Vorgesetzten oder beim Betriebsrat. Weniger kämpferische Naturen entscheiden sich für Rückzug, machen Dienst nach Vorschrift oder werden krank. Und was passiert mit dem Chef? Wenn er nicht erkennt, was sich hier gerade abspielt, bekommt er noch mehr Angst, zeigt sich in seinem entstehenden Wahn noch ungeduldiger und unzufriedener. Worauf seine Mitarbeiter – wenn sie das Geschehen auch nicht durchschauen – ihre eigene Angstreaktion verstärken und der Chef noch weiter unter Druck gerät. Ein nachvollziehbares Muster der Beteiligten, das wahn-sinnige Züge in sich trägt.

„Menschen, die sich in ihren jeweiligen Angst-Verkleidungen begegnen, führen einen regelrechten Schleiertanz auf – und verstärken damit die Reaktionen ihres Gegenüber“, sagt Carsten Schäper, geschäftsführender Gesellschafter bei JANUS. Hinter die Kulissen solcher Szenarien zu schauen, hält Carsten Schäper für das effektivste Mittel, um den Teufelskreis aus Angst, reflexhafter Schutzbewegung und Gegenreaktion zu durchbrechen. Oft offenbart erst der zweite oder dritte Blick auf eine Szene oder einen Sachverhalt, was da wirklich los ist.

Für Carsten Schäper ist Mitgefühl der Schlüssel, um der Angst zu begegnen: Die Menschen freundlich zu betrachten, auch wenn sie uns mit ihren Handlungen oder Aussagen „Angst machen“ oder verärgern, sei die wahre Lebens- und Führungskunst. Wie das geht? „Man muss sich über die eigene Angst klar werden und Mitgefühl für die Angst des anderen haben, sie aufspüren.“ Das heißt nicht, dass man solche Regungen offen ansprechen muss: „Statt auf die sichtbare Aggression anzuspringen, ist es besser, auf die Angst dahinter zu reagieren und hier Aufmerksamkeit und Energie zu investieren“, rät Carsten Schäper. Dieses Mit-Fühlen erweitert das gesamte Spektrum jeder Führungskraft und trägt wesentlich dazu bei, dass Führung überhaupt wirksam ist.

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