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Die Verkleidungen der Angst

Wir haben die JANUS Kollegen gebeten, Beispiele zu sammeln, wie trickreich oder plump sich Angst im Berufsalltag verkleidet und wie wahn-sinnig das sich daraus ergebende Verhalten häufig ist. Hier ist das Ergebnis. (Nur so nebenbei: Das wirksamste Gegenmittel zu Angst ist Liebe. Speziell: Selbst-Liebe)

Überraschende Offenheit

Ein Kunde hat bei seiner Bank eine hohe Summe angelegt und durch die Börsenentwicklung viel Geld verloren. Der Betroffene ruft regelmäßig seinen Banker an und beschimpft diesen. Der leitende Angestellte versucht wochenlang, mit Argumenten die Situation zu retten. Ein letztes Gespräch gemeinsam mit seinem Vorgesetzten und dem Kunden soll klären, ob die Kundenbeziehung beendet wird. Im Laufe des Gesprächs gesteht der Banker dem Kunden ein, dass er inzwischen Angst vor ihm hat. Der Kunde reagiert völlig überrascht, der Vorgesetzte ist entsetzt. Das Endergebnis: Der Kunde „liebt“ seinen Banker, der so offen und ehrlich ist. Ein Resultat, mit dem der Vorgesetzte zufrieden ist, auch wenn er es nicht versteht.

Funktioniert diese Offenheit bei jedem Kunden? Man wird nicht immer gleich „geliebt“, aber zumindest entsteht meist etwas Neues, mit dem man konstruktiv weiter machen kann. Dieser Berater ist ziemlich „reif“: Er kennt seine Angst und steht zu ihr.

Schweigen im Walde

Der Geschäftsführer eines Automobilzulieferungsbetriebs ist technisch sehr versiert und intelligent. Er denkt schnell und ist äußerst eloquent. Er produziert selbst ständig neue Ideen und ist immer wieder enttäuscht, dass seine Führungsmannschaft, mit der er sich alle 14 Tage zusammensetzt, so wenig lebendig ist. Dass er den größten Teil der Sitzungen selbst bestreiten muss, dass er im Wesentlichen die Agenda bestimmt und dass keine oder wenig neue Ideen von seinen Top-Leuten kommen. Die Sitzungen plätschern eher dahin, man hält sich bedeckt und wenn einer (sichtbar) Energie einsetzt und sich bemüht, damit es voran geht, dann ist es der Chef selbst. Der Chef fängt an zu glauben, er habe Fehler bei der Personalauswahl gemacht und er müsse diese möglichst schnell korrigieren. Er ist zunehmend gereizt und ungehalten. Dies ist spürbar in den Sitzungen. Die Führungsmannschaft reagiert darauf mit verschärftem Schweigen.

Phantasien übereinander haben in dieser Gruppe die Oberhand gewonnen und schlicht Angst gemacht. Besser: Alles auf den Tisch. Wenn alles ausgesprochen ist, können die Beteiligten in den Sitzungen besser für sich und ihre Bedürfnisse eintreten. Das Ergebnis: Eine spürbar verbesserte Arbeitsatmosphäre und eine lebhaftere Diskussion.

Phantasie und Wirklichkeit

Ein Teilnehmer eines Seminars befürchtet, im Rahmen einer Fusion „eingespart“ zu werden. Er ist Anfang 30 und ledig. In dem Projekt, das er gerade leitet, versucht er, es besonders gut zu machen. Das führt dazu, dass er viele Überstunden macht, viel an sich reißt und nicht delegiert. Im Projekt wird er mit den Kollegen ungeduldig. Die Gerüchte im Unternehmen kosten ihn viel Kraft. Er fürchtet: „Wenn ich mich daran nicht beteilige, verliere ich den Kontakt zu den Kollegen.“ Manchmal denkt er darüber nach, den Job zu wechseln, was zurzeit nicht gerade leicht ist.

Phasen der Unsicherheit sind in Veränderungsprozessen unvermeidlich. Die (Führungs-) Kunst ist es, offen auch mit dem Nicht-Wissen umzugehen und den Befindlichkeiten der Betroffenen einen angemessenen Rahmen zu geben. Sonst brodelt die Gerüchteküche!

gesammelt und kommentiert von Carsten Schäper

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