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Alles im Lot?!

Die Idee einer idealen Balance von Leben und Arbeit wird oft postuliert. Doch sind Leben und Arbeit wirklich getrennte Sphären und ist (Familien-) Leben immer stressfrei und ein Quell der puren Freude? Es ist Zeit, umzudenken und eine neue Art von Balance zu suchen – diejenige zwischen Tun und Sein.

Wohin man auch schaut, bewegen sich heute beruflich engagierte Menschen geradezu selbstverständlich an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Wer das Handy selbst im Urlaub nicht ausschalten kann, weil ihn sonst innere Leere, Ungeduld oder Verunsicherung packen, ist ebenso betroffen wie jener, der trotz Stapeln auf dem Schreibtisch bei Arbeitsaufträgen nie Nein sagen kann oder jene, die das Kino im Kopf vom Nachtschlaf abhält.

Kaum jemand hat noch keine Bekanntschaft mit Sympto men körperlicher und seelischer Erschöpfung gemacht. Das Per formen am Limit ist ein Phänomen unserer Zeit. Burn-Out-Erscheinungen treffen Unternehmenschefs und Menschen ganz oben auf der Karriereleiter ebenso wie ganz normale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Antwort der Experten lautet häufig: ‚Work-Life-Balance’ (WLB). Wer nur seine Lebensbereiche gut ausbalanciert, sei auf dem richtigen Weg. „Für mich ist allein schon der Begriff irreführend, denn er löst Erwartungen aus, die nicht erfüllt werden können“, sagt JANUS-Trainer Markus Mayer. Wenn Arbeit mit Anstrengung und Überforderung gleichgesetzt und dann dem Leben als Synonym für Erholung und Entspannung gegenüber gestellt würden, werde die Suche nach Lösungen schier unmöglich: „Schließ lich ist für viele ein großer Teil des Jobs Erfüllung – und die pure Entspannung im privaten Bereich ist in der Regel Illusion“.

Die Erkenntnis, zu viel zu arbeiten und keine Zeit für Müßiggang und Entspannung zu finden, führt in der Regel zu guten Vorsätzen – die wiederum gebrochen werden. Das Bekenntnis zu mehr Sport, mehr Ruhe, mehr Familie klingt gut – und ist gerade von stark eingebundenen Menschen kaum umsetzbar. Denn eines ist nicht zu vergessen: Das vorherige Verhalten hatte – im persönlichen System des Einzelnen – seinen Sinn. Statt Erholung stellt sich also ein Gefühl von Scheitern, Versagen und Resignation ein. Eine Psychodynamik, die die Belastungs situation weiter verschärft.

„Es finden in solchen Situationen innere Prozesse statt, deshalb hilft eine Veränderung auf der Verhaltensebene auch gar nicht weiter“, erklärt Coach Mayer. Angesichts von Überforderungsszenarien bräuchte es statt Aktions plänen vor allem eine Beschäftigung mit genau jenem emotionalen Punkt, der die eigentliche Überforderung auslöst. Was hilft, seien weniger simple Verhaltensänderungen, sondern eine innere Aus einandersetzung mit den Fragen: „Was geschieht in mir, bevor und während ich mich überfordere? Wie sieht mein psychisches Überforderungsmuster aus?“

Aus der Erfahrung des JANUS-Teams steht am Anfang einer Burn-Out-Spirale häufig ein angekratztes Selbstwertgefühl. „Die Sucht nach äußerer Anerkennung, um den inneren Mangel an Wertschätzung für das eigene Sein zu überdecken, ist der gefährliche Ausgangspunkt von Überforderung“, erklärt Markus Mayer. Der Grund liegt auf der Hand: „Minderwertigkeitsgefühle heilen am besten, wenn ich sie annehme, sie sehen und spüren kann“. Doch die Welt der Top-Führungskräfte funktioniert anders. Was hier zählt, ist ein sicherer, souveräner Auftritt, der die Akteure unangreifbar und unantastbar macht. Ihre Welt voller ausgesprochener und unausgesprochener Erwartungen verstärkt sukzessive die Überlastung und führt früher oder später zum K.O., denn in diesem Umfeld ist es noch leichter, den intuitiv gefühlten eigenen Schmerz punkt effektiv zu überlagern. Wirklich innere Autorität entsteht in der Auseinandersetzung mit der eigenen Schattenseite. „Das ist oft schmerzhaft, anstrengend und unangenehm, deshalb sind einfache Erklärungen so populär“, sagt Berater Markus Mayer. Aber es lohne sich, jenseits der Patent rezepte, dort wo die eingeschliffenen Muster wirkten, freundlich-gelassen nach echten individuellen Lösungen zu suchen. Für den Trainer muss es darum gehen, in jedem Lebens bereich Balance zwischen Aktivität und Sein-Lassen zu finden. Dabei bedeute Nichts-Tun keineswegs Faulenzen, sondern eine achtsame Haltung gegenüber sich selbst.

Aus der Trainingslehre kennen wir den Satz „Regeneration ist Training“ – erst die Ruhephase ermöglicht es, Leistung auf den Punkt abzurufen. Meditation und Achtsamkeitsübungen vermitteln den Blick nach innen, doch sie erschließen sich nicht jedermann. „Immer, wenn man etwas für sich tut, ohne dabei irgendwelchen Anforderungen zu genügen, kommt man seiner inneren Balance etwas näher“, sagt JANUS-Geschäftsführer Carsten Schäper. Er ist überzeugt, dass Tun, Aktivität und Leistung im Vordergrund unseres Lebens stehen und keinesfalls verteufelt werden sollten. „Manager müssen sich allerdings dringend klar machen, dass Höchstleistung die Fähigkeit und Bereitschaft zum Lassen voraussetzt. Training ohne Regeneration scheitert. Eine Führungskraft, die sich selbst und damit meist auch andere auf Dauer überfordert, macht ihren Job schlecht.“

Für den Berater ist ein waches Auge auf die eigenen Antreiber ein erster wesentlicher Schritt, um dem Burn-Out und Überforderungsszenarien zu begegnen. „Wir müssen unsere Antreiber durchschauen, weil diese Verhaltensweisen forcieren, die der Regeneration entgegen wirken“, sagt Carsten Schäper. Für den Ausstieg ist es notwendig, diese seelischen Muster klar zu benennen.

So lauten die gelernten Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster, die uns anspornen und so dem eigenen Erfolg dienen, die aber nie das Kommando in unserem Leben übernehmen dürfen. „Wir müssen uns unsere Antreiber dienlich halten, aber ihnen niemals die Führung überlassen“, sagt Carsten Schäper und ergänzt: „Wenn Antreiber ungefiltert die ganze Zeit ins Leben funken, ist das ausgesprochen ungesund“. Hier setzt das Thema Achtsamkeit an: Wer in Dialog mit sich selbst tritt, hinsieht – auch wo es unangenehm ist – hat eine gute Chance, seinen Antreibern Paroli zu bieten und aus ungünstigen Mustern auszubrechen. Ganz ohne sich wieder neue To-Do-Listen für die Freizeit aufzuerlegen.

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Kommentare

Daniela Szekely
25. Januar 2011, Nr. 751

Bin ganz Ihrer Meinung! Würde mir allerdings wünschen, dass Sie die Antreiber im Zusammenhang mit der von Eric Berne entwickelten Transaktionsanalyse nennen - und die Schagwortliste entsprechend ergänzen. Um Missverständnissen vorzubeugen … Mit herzlichem Gruß Daniela Szekely dasacoaching, Frankfurt am Main

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