Hirnforschung ist en Vogue, weniger individuell, sondern eher als Erklärung für viel Unsinn und wenig Sinn, den wir so im Leben treiben. Das ist schön und vorteilhaft, weil ja oft die Aussage zustande kommt, dass der eigentliche Bestimmer unseres Seins das Stammhirn wäre, volkstümlich auch das „Krokodilshirn“ genannt. Ja, da darf man dann schon sehr viel Unsinn treiben, weil wer hat schon mal einem Krokodil ins Hirn geschaut und weiß, was es wirklich will… Entschuldigen Sie bitte diesen Umweg.
Auf dem Buchmarkt ist jetzt ein schöner Titel erschienen: „Was das Hirn alles kann.“ Spannend und aufklärend, aber leider lässt es die Frage aus, was mein Hirn alles nicht kann. Ich merke zum Beispiel oft im Kollegenkreis, was es da für Unterschiede gibt. Einer meiner Kollegen beispielsweise kann selbst in dem größten Stress noch steuerliche Haupt- und Nebengedanken haben, diese zu Papier bringen und diese Dinge dann sogar in Gang bringen. Ich kann selbst bei dem größten Wohlgefühl keine Ecke in meinem Hirn finden, die dieses Thema sinnvoll und ergebnisorientiert bearbeitet. So ging’s mir schon damals in der Schule: ich habe den Algebralehrer wohl akustisch verstanden, aber nicht wirklich durchdrungen, warum er von seinem Fach so begeistert ist und was er mir genau nahebringen will. Und so hat es mich immer wieder sehr interessiert, wer da eine Rolle spielt, bei der freundlichen Vorreservierung unserer Hirnabteile. Die Vermutung liegt nahe (und die Forscher bestätigen es), dass dies viel mit dem persönlichen Wohlgefühl und der Erfolgssicherheit zu tun hat, die wir erlebt haben bei dem jeweiligen Lernablauf, und nicht zuletzt, wie wir den jeweiligen Lebenslehrer fanden.
In unserer Arbeit haben wir also gute Chancen mit relativ kleinen Gruppen, schönen Räumen und unterstützendem Ambiente; sind aber oft sehr respektvoll, welche schwierige Herausforderung die Lehrer unserer Kinder haben mit enorm großen Klassen und keinem besonderen Ambiente. Und wenn schon jetzt so gerne das lebenslange Lernen postuliert wird, wär’s echt gut, dieses mit Erfolgserlebnissen zu beginnen, statt schon früh die Hirnabteile mit Themen vollzuschütten, bei denen man im Erwachsenenalter ständig vor der Herausforderung sitzt, wie vor einer unaufgeräumten fremden Wohnung, und entscheiden muss, was darf weg und was kann ich wirklich noch brauchen in meinem Hirn. Ich wünsche Ihnen also schöne Inhalte für Ihre Kinder und viel Freude beim Entrümpeln des eigenen Hirns – vielleicht findet sich dann ja noch ein freies Abteil für Steuerfragen.
CHV
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