Wohin mit der Energie?
Bei Janus ist dieses Jahr einiges in Bewegung. Unsere größte Veränderung ist ein komplett neues CRM, mit dem wir einen großen Teil unserer internen Prozesse neu aufsetzen. Gleichzeitig verändert sich auch unser Team: Menschen sind gegangen, haben andere Rollen übernommen, neue Kolleg:innen sind dazugekommen.
Wer schon einmal mitten in einer solchen Veränderung stand, kennt die Fragen, die sie zuverlässig mitbringt: Schaffen wir das überhaupt? Wie passt unsere ziemlich individuelle Art zu arbeiten in eine neue Umgebung, die erst einmal nach Standard aussieht? Und wie leiten wir unsere Energie so, dass wir unser eigentliches Ziel dabei nicht aus den Augen verlieren?
Und noch eine Stufe weitergedacht: Was verdient gerade eigentlich unsere Energie?
Die stille Kunst des Weglassens
Komplexität lässt sich nicht einfach wegorganisieren. Entscheiden müssen wir trotzdem – und zwar ständig, oft mehrmals am Tag, meist unter Zeitdruck: Was verdient ein Ja? Was verträgt ein Später? Was darf einfach weg? Und wo sind wir selbst gar nicht die Besten dafür, sodass es besser bei jemand anderem aufgehoben wäre?
An Möglichkeiten, Aufgaben und guten Ideen mangelt es in den seltensten Fällen. Schwieriger ist etwas anderes: Prioritäten zu setzen, Verantwortung passend zu verteilen und manches ganz bewusst nicht zu tun. Das klingt einfacher, als es im Alltag ist. Denn ein Ja fühlt sich fast immer produktiver an als ein Später, ein Nein oder die Entscheidung, eine Aufgabe abzugeben. Wer Ja sagt, hat sofort das Gefühl, etwas voranzubringen. Wer Nein sagt, muss diesen Impuls erst einmal aushalten – und das braucht innere Stabilität, die nicht selbstverständlich vorhanden ist.
Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was auch in der Arbeits- und Organisationspsychologie zunehmend Beachtung findet: Selbstregulation am Arbeitsplatz – also die Fähigkeit, eigene Impulse, Aufmerksamkeit und Energie bewusst zu steuern – gilt heute als eine der zentralen Voraussetzungen dafür, langfristig leistungsfähig und zugleich gesund zu bleiben. Die Mannheimer Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau dieser Frage: Wie gelingt es Menschen, nachhaltig hohe Leistung zu erbringen, ohne dabei auszubrennen? Ihre Forschung zeigt unter anderem, wie eng Erholung und Leistungsfähigkeit miteinander verknüpft sind – und wie sehr beides von der Fähigkeit abhängt, sich von belastenden Aufgaben auch mental lösen zu können, statt sie ständig gedanklich weiterzutragen.
Warum Priorisieren ohne Selbstwahrnehmung nicht funktioniert
Wir haben in den letzten Monaten bei Janus selbst gemerkt: Ein Teil der Antwort auf die eingangs gestellten Fragen liegt genau hier. Nicht alles gleichzeitig schaffen zu wollen, sondern bewusst zu entscheiden, wohin die eigene Energie geht.
Nur: Diese vier Fragen – Ja, Später, Weg, nicht wir – lassen sich nicht seriös beantworten, wenn wir gar nicht wissen, wie viel Energie gerade überhaupt da ist. Wie steht es um Aufmerksamkeit, Kraft und Konzentration? Und was hilft dabei, nicht immer nur auszugeben, sondern auch wieder aufzutanken?
Auch dazu gibt es inzwischen belastbare Erkenntnisse. Tony Schwartz und Catherine McCarthy prägten mit ihrem vielzitierten Artikel „Manage Your Energy, Not Your Time“ (Harvard Business Review, 2007) einen Gedanken, der bis heute nachwirkt: Zeit ist eine begrenzte, aber gleichbleibende Ressource – Energie dagegen ist erneuerbar, wenn man weiß, wie man mit ihr umgeht. Wer ausschließlich Termine und Stunden managt, aber die eigene körperliche, emotionale und mentale Energie ignoriert, arbeitet zwangsläufig gegen die eigene Leistungsfähigkeit statt mit ihr. Die Autoren plädieren dafür, gezielt Rituale der Erneuerung einzubauen – ähnlich wie es Spitzensportler tun, die sich nicht durch längeres Training, sondern durch bewusste Erholungsphasen steigern.
Genau da kommt für uns Ressourcenmanagement ins Spiel.
Wie wir mit Ressourcenmanagement arbeiten
Im Rahmen unserer Persönlichkeitsseminare arbeiten wir damit seit über 30 Jahren. Es gibt den Seminartagen einen eigenen Rhythmus – morgens, abends und manchmal auch zwischendurch – und erweitert das Lernen um körperliche und kreative Erfahrungen. So bleibt es nicht nur beim Verstehen im Kopf, sondern wird im wörtlichen Sinn erfahrbar.
Das kann ganz unterschiedlich aussehen:
Improvisationstheater. Hier geht es darum, Impulse wahrzunehmen, mit Überraschungen umzugehen und im Kontakt zu bleiben – eine Fähigkeit, die sich unmittelbar auf Entscheidungssituationen im Arbeitsalltag übertragen lässt, in denen sich Pläne kurzfristig ändern und trotzdem eine klare Reaktion gefragt ist.
Haltung & Atem. Körperwahrnehmung, Präsenz und Atmung rücken in den Mittelpunkt. Wer lernt, auf die eigenen körperlichen Signale zu achten, erkennt auch früher, wann die eigene Kapazität an ihre Grenzen kommt – lange bevor daraus Erschöpfung oder ein Motivationseinbruch wird.
Taiji-Qi-Gong. Hier wird Energie über Bewegung, Atmung und Körperwahrnehmung ganz unmittelbar spürbar – nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkrete, körperliche Erfahrung, die sich später auch im Berufsalltag leichter abrufen lässt.
Und wer weiß, wie viel davon gerade da ist, tut sich auch leichter, zu entscheiden, was warten kann – oder ganz wegfällt.
Ein guter Stand als Ausgangspunkt
Was diese unterschiedlichen Zugänge verbindet, ist eine einfache, aber wirkungsvolle Grundannahme: Gute Entscheidungen entstehen nicht allein im Kopf, durch noch mehr Analyse oder noch bessere Priorisierungsmethoden. Sie entstehen auch dadurch, dass Menschen wieder ein Gespür dafür bekommen, wie viel Substanz sie gerade tatsächlich zur Verfügung haben – körperlich, emotional, mental.
Manchmal beginnt eine gute Entscheidung eben damit, erst einmal wieder gut zu stehen.